UX & Research
Figma im UX-Designprozess: Gegenwart & Zukunft
Figma hat den UX-Designprozess grundlegend verändert. Was das Tool heute leistet, wo es kritisch zu hinterfragen ist und wie KI die Arbeit neu definiert.
Reading Time:
min
27.04.2026

UX & Research
Figma hat den UX-Designprozess grundlegend verändert. Was das Tool heute leistet, wo es kritisch zu hinterfragen ist und wie KI die Arbeit neu definiert.
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27.04.2026

Kein anderes Tool hat den UX-Designprozess in den letzten Jahren so tiefgreifend verändert wie Figma. Was als schlanker Browser-basierter Vektorgrafik-Editor begann, ist heute eine zentrale Plattform für kollaboratives Arbeiten, Prototyping sowie Interface-Design und zunehmend auch ein Experimentierfeld für KI-gestützte Workflows. Wer heute als UX- oder UI-Designer:in arbeitet, kommt an Figma kaum vorbei. Doch genau das verdient eine kritische Betrachtung: Was leistet das Tool wirklich? Wo liegen die Grenzen? Und wohin entwickelt sich Figma in einer Branche, die durch KI-Nutzung gerade fundamental neu gedacht wird?
Figma trat an, wo etablierte Tools wie Adobe Illustrator an ihre Grenzen stießen: in der Zusammenarbeit. Der entscheidende Unterschied war nicht die Funktionstiefe, sondern der Ansatz. Figma läuft im Browser, speichert in Echtzeit und macht Versionskonflikte strukturell unmöglich. Teams, die vorher Dateien hin- und herschickten, arbeiteten plötzlich gleichzeitig am selben Frame. Das klingt banal, war aber ein Paradigmenwechsel.
Die Positionierung als Adobe-Alternative war dabei nie das eigentliche Ziel. Figma hat eine eigene Kategorie geschaffen: das kollaborative Design-Betriebssystem. Shared Libraries, Design Styleguides, organisationsweite Component-Systeme. All das hat Figma zu einem Werkzeug gemacht, das weit über das individuelle UX/UI-Design hinausgeht. Es ist Infrastruktur geworden.
Im Kern des UX-Designprozesses erfüllt Figma heute mehrere Funktionen gleichzeitig. Es ist Skizzierwerkzeug, Layout-Tool, Component-Bibliothek, Prototyping-Umgebung und Übergabeplattform in einem. Diese Verdichtung ist Stärke und Risiko zugleich.
Was Figma stark macht:
Wo Figma an Grenzen stößt:
Was Figma von vielen Konkurrenten unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der es Skalierbarkeit ermöglicht. Components und Varianten erlauben es, Interfaces systematisch zu bauen statt manuell zu wiederholen. Auto Layout macht responsive Verhalten in Designs beherrschbar, ein entscheidender Fortschritt gegenüber statischen Artboards.
Für UX-Designer:innen bedeutet das: Wer Figma professionell nutzt, denkt nicht in einzelnen Screens, sondern in Systemen. Ein Button ist kein Button, er ist eine Komponente mit definierten States und Varianten. Ein Layout ist keine fixe Pixelanordnung, es ist ein strukturiertes Raster. Die Qualität der Arbeit in Figma hängt daher stark davon ab, wie tief das konzeptionelle Verständnis für Designsysteme ist.
Mit der Integration von KI-Funktionen betritt Figma ein Terrain, das die gesamte Branche gerade vermisst. Automatische Layoutvorschläge, generative Inhalte, kontextsensitive Komponenten-Empfehlungen. Die Richtung ist klar. Figma will KI nicht als Add-on, sondern als integralen Bestandteil des Design-Workflows positionieren.
Was heute bereits existiert, ist nützlich, aber noch nicht transformativ. KI-gestützte Rename-Funktionen, erste Prototyping-Assistenten und experimentelle Features zur Inhaltsgenerierung zeigen die Richtung. Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI den UX-Designprozess verändern wird, sondern wie UX-Designer:innen KI zukünftig als weiteres Tool verwenden.
Kritisch betrachtet: KI in Design-Tools erzeugt im Moment vor allem Effizienzgewinne auf der Ausführungsebene. Wiederholende Aufgaben können schneller werden, indem Placeholder intelligent ausgefüllt werden. Layoutvorschläge entstehen mit weniger manuellem Aufwand. Doch die strategische UX-Kompetenz, das Verstehen von Nutzerbedürfnissen, das Abwägen von Designentscheidungen und das Navigieren komplexer Stakeholder-Anforderungen bleiben menschliche Arbeit. Wer KI-Nutzung in Figma als Abkürzung für Denken missversteht, wird schlechtere Interfaces bauen, nicht bessere.
Die inspirierende Seite: Wenn KI Routinearbeit übernimmt, entsteht Raum für tiefere konzeptionelle Arbeit. UX-Designer:innen, die das nutzen, werden nicht ersetzt, sie werden wirksamer.
Die Entwicklung von Figma zeigt eine klare strategische Linie: weg vom Einzelwerkzeug, hin zur kollaborativen Plattform mit KI-Augmentierung. Der bislang deutlichste Ausdruck dieser Strategie ist Figma Make, vorgestellt auf der Config 2025. Figma Make ist ein KI-gestütztes Prompt-to-Code-Tool, das bestehende Figma-Designs direkt in funktionale Prototypen, interaktive Interfaces und Web-Apps überführt. Designer:innen geben per Texteingabe vor, was sie brauchen, die KI generiert lauffähigen Code daraus. Das ist kein automatisiertes Prototyping im klassischen Sinne, sondern ein grundlegend neuer Arbeitsschritt: vom statischen Design zum interaktiven Produkt, ohne Entwicklungsumgebung, ohne Handoff-Bruch.
Was das für den UX-Designprozess bedeutet, ist noch nicht vollständig absehbar. Klar ist: Figma Make verkürzt die Distanz zwischen Design und Implementierung erheblich. Teams können Konzepte schneller validieren, Stakeholder erleben Interfaces früher als funktionierende Produkte statt als statische Screens. Kollaboratives Arbeiten bekommt damit eine neue Dimension, nämlich die gemeinsame Arbeit an etwas, das sich bereits wie ein echtes Produkt anfühlt.
Gleichzeitig verschiebt sich die Anforderung an UX-Designer:innen. Figma-Handwerk bleibt relevant. Aber das Verständnis für Systemlogik, KI-gestützte Workflows und die strategische Einbettung von Design in Produktentwicklung wird wichtiger. Wer heute nur weiß, wie man in Figma arbeitet, ist morgen austauschbar. Wer versteht, warum bestimmte Designentscheidungen getroffen werden und wie sich das in skalierbaren Interfaces niederschlägt, bleibt unverzichtbar.
Figma hat den UX-Designprozess nicht neu erfunden, aber es hat ihn neu organisiert. Kollaboratives Arbeiten, durchgängige Workflows von Wireframe bis Prototyp, skalierbare Component-Systeme. Das sind reale Fortschritte, die die Arbeit von UX- und UI-Designer:innen nachhaltig verändert haben. Gleichzeitig verführt die Mächtigkeit des Tools dazu, konzeptionelle Schwächen hinter visueller Perfektion zu verbergen. Die KI-Integration wird diesen Effekt verstärken, in beide Richtungen. Wer Figma als Denkwerkzeug nutzt, wird von KI profitieren. Wer es als Ausführungsmaschine benutzt, wird durch KI ersetzt. Die Frage ist nicht, ob man Figma beherrscht. Die Frage ist, wie man damit denkt.