UX & Research

Card Sorting – Wie Unternehmen bessere Strukturen entwickeln

Card Sorting strukturiert mentale Modelle und bildet die Grundlage für nutzerzentrierte Informationsarchitekturen und intuitive Navigationsstrukturen.

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29.07.2026

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Was ist die Card-Sorting-Methode?

Card Sorting ist eine UX-Research-Methode, bei der Teilnehmer:innen Inhalte in Kategorien gruppieren, die für sie Sinn ergeben. Die Methode stammt aus der kognitiven Psychologie und macht mentale Modelle von Nutzer:innen sichtbar. Teilnehmer:innen erhalten Karten mit Seitentiteln, Funktionen oder Inhaltstypen, ordnen diese in Gruppen und benennen die Kategorien. Die Methode funktioniert analog mit physischen Karten oder digital über spezialisierte Tools. Card Sorting liefert keine fertigen Lösungen, sondern Hinweise auf mögliche Gruppierungen, die durch weitere UX-Research-Methoden validiert werden sollten.

Varianten der Card-Sorting-Methode

Die Card-Sorting-Methode existiert in verschiedenen Ausprägungen, die jeweils unterschiedliche Forschungsziele adressieren. Die Wahl der richtigen Variante hängt davon ab, ob bereits eine bestehende Struktur existiert oder ob eine völlig neue Informationsarchitektur entwickelt werden soll.

Offenes Card Sorting

Beim offenen Card Sorting erhalten Teilnehmer:innen Karten mit Inhalten, aber keine vorgegebenen Kategorien. Sie gruppieren die Karten frei und vergeben eigene Bezeichnungen für die entstandenen Gruppen. Diese Variante eignet sich besonders, wenn keine bestehende Struktur vorhanden ist oder wenn grundlegend neue Organisationsansätze exploriert werden sollen. Offenes Card Sorting liefert Einblicke in die natürliche Denkweise der Nutzer:innen und deckt auf, welche Begriffe sie zur Beschreibung von Inhalten verwenden. Es ist die flexibelste Form und erlaubt die genaueste Abbildung der mentalen Modelle der Nutzer:innen.

Geschlossenes Card Sorting

Beim geschlossennen Card Sorting sind die Kategorien bereits vorgegeben. Teilnehmer:innen ordnen die Karten in diese bestehenden Gruppen ein. Diese Variante wird eingesetzt, wenn eine bestehende Navigationsstruktur überprüft oder optimiert werden soll. Sie liefert Daten darüber, ob Nutzer:innen Inhalte den vorgegebenen Kategorien zuordnen können oder ob Missverständnisse entstehen. Geschlossenes Card Sorting ist weniger explorativ, dafür aber schneller auszuwerten und eignet sich gut für die Validierung von Struktur-Hypothesen.

Hybrid Card Sorting

Hybrid Card Sorting kombiniert Elemente beider Ansätze: Es gibt vorgegebene Kategorien, aber Teilnehmer:innen können bei Bedarf eigene Gruppen hinzufügen. Diese Variante bietet einen Mittelweg zwischen Struktur und Flexibilität und eignet sich für Projekte, in denen Teile der Informationsarchitektur bereits feststehen, andere Bereiche aber noch offen sind.

Die Wahl der Variante sollte sich nach dem Projektstatus und den konkreten Forschungsfragen richten. In der Praxis wird häufig mit offenem Card Sorting begonnen, um ein breites Verständnis zu gewinnen, und anschließend mit geschlossenem Card Sorting validiert.

Ablauf und Methodik

Die Durchführung eines Card Sortings erfordert sorgfältige Planung. Zunächst werden Karten erstellt, die Elemente aus Bestandsanalysen, Interviews oder bestehenden Websites repräsentieren. Die Formulierung der Kartenlabels ist entscheidend: Sie sollten neutral sein und keine Hinweise auf Kategorisierungen enthalten. Die Anzahl liegt typischerweise zwischen 30 und 60 Karten. Die Auswahl der Card-Sorting-Teilnehmer:innen sollte die tatsächliche Zielgruppe repräsentieren. Für quantitative Auswertungen werden 30 bis 50 Teilnehmer:innen empfohlen, für qualitative Studien können 15 ausreichen.

Card Sorting kann moderiert oder unmoderiert durchgeführt werden. Moderierte Sitzungen liefern tiefere qualitative Daten, sind aber zeitaufwendiger. Unmoderierte Remote-Studien ermöglichen größere Stichproben und schnellere Datenerhebung. Viele Unternehmen kombinieren beide Ansätze.

Von Daten zu Struktur

Die Card-Sorting-Auswertung nutzt Ähnlichkeitsmatrizen und Dendrogramme, um Muster sichtbar zu machen. Ein Dendrogramm visualisiert, welche Karten am häufigsten zusammen sortiert wurden. Wichtig ist, dass Dendrogramme keine fertigen Antworten liefern, sondern Tendenzen zeigen, die interpretiert werden müssen. Qualitative Daten aus moderierten Sessions ergänzen die quantitativen Ergebnisse und erklären, warum bestimmte Gruppierungen vorgenommen wurden.

Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung von Navigationsstrukturen, Menüs und Sitemaps ein. Card Sorting ist generativ und explorativ. Die Ergebnisse müssen anschließend durch evaluative Methoden wie Tree Testings validiert werden.

Card-Sorting-Online-Tool: Digitale Umsetzung

Card-Sorting-Online-Tools ermöglichen Remote-Studien mit großen Teilnehmerzahlen. Plattformen wie Optimal Workshop, UXtweak oder Maze bieten Funktionen für die Erstellung, Teilnehmerverwaltung und automatisierte Auswertung. Der Vorteil liegt in der Skalierbarkeit: Teilnehmer:innen können von überall teilnehmen, Daten werden automatisch erfasst und Ergebnisse stehen sofort zur Verfügung. Physische Card Sorts haben bei bestimmten Zielgruppen oder in frühen explorativen Phasen weiterhin ihre Berechtigung.

Card Sorting: Vor- und Nachteile

Die Card-Sorting-Methode bietet erhebliche Vorteile, hat aber auch klare Grenzen, die bei der Planung berücksichtigt werden müssen.

Vorteile

  • Direkte Einbindung der Nutzer:innen in den Designprozess
  • Macht mentale Modelle sichtbar, die sonst implizit bleiben würden
  • Reduziert das Risiko, Strukturen nur aus interner Unternehmenssicht zu entwickeln
  • Vergleichsweise kostengünstig und schnell durchzuführen, besonders mit digitalen Tools
  • Liefert sowohl quantitative Daten für statistische Analysen als auch qualitative Einblicke in Denkprozesse
  • Flexibel einsetzbar von frühen Konzeptphasen bis zur Optimierung bestehender Strukturen

Nachteile

  • Interpretationsbedürftigkeit der Ergebnisse: Nutzer:innen sortieren selten einheitlich
  • Entscheidung über priorisierte Muster erfordert Expertise und weitere Forschung
  • Zeigt nur, wie Nutzer:innen Inhalte gruppieren, nicht ob sie diese tatsächlich finden können
  • Ergänzende Methoden wie Tree Testings sind notwendig
  • Liefert oft nur oberflächliche Einblicke; tiefere kontextuelle Zusammenhänge können unentdeckt bleiben
  • Qualität hängt stark von der Formulierung der Kartenlabels und der Auswahl der Teilnehmer:innen ab
  • Begrenzte Aussagekraft für komplexe Hierarchien
  • Bei tief verschachtelten Strukturen sind iterative Ansätze erforderlich

Card Sorting in der Konzeptionsphase: Strategischer Einsatz

Die Card-Sorting-Konzeptionsphase ist der ideale Zeitpunkt für den Einsatz der Methode. In diesem Stadium sind Strukturentscheidungen noch offen, und die Kosten für Änderungen sind gering. Der Einsatz folgt typischerweise einem iterativen Vorgehen: Zunächst offenes Card Sorting für ein breites Verständnis, dann Validierung durch geschlossenes oder hybrides Card Sorting. Ein häufiger Fehler ist es, Card Sorting isoliert zu betrachten. Die Methode ist am wirksamsten, wenn sie in einen umfassenden Research-Prozess eingebettet ist und mit einem Tree Testing kombiniert wird.

Benutzerfreundliche Navigation entwickeln

Das Ziel jeder Card-Sorting-Studie ist die Entwicklung einer benutzerfreundlichen Navigation. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für Entscheidungen über Menüstrukturen, Kategorienamen und Informationshierarchien. Die Übersetzung in konkrete Designentscheidungen erfordert Abwägungen zwischen Nutzerbedürfnissen, Geschäftszielen und technischer Machbarkeit. Eine nutzerzentrierte Informationsarchitektur entsteht durch die intelligente Interpretation der Daten im Kontext des gesamten Projekts. Navigation optimieren bedeutet auch, bestehende Strukturen kontinuierlich zu hinterfragen. Reverse Card Sorting kann aufdecken, wo Strukturen nicht mehr zu den aktuellen mentalen Modellen passen.

Kosten-Nutzen von Card Sorting: Wirtschaftliche Perspektive

Die Kosten für Card Sorting sind überschaubar. Digitale Tools sind oft im Rahmen von UX-Research-Plattformen verfügbar. Die Teilnehmervergütung liegt typischerweise im niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich pro Person. Insgesamt bewegen sich die Kosten oft im niedrigen vierstelligen Bereich, deutlich weniger als die Kosten für eine Neugestaltung aufgrund fehlgeleiteter Strukturentscheidungen.

Der Nutzen liegt in der Risikoreduktion. Eine Informationsarchitektur, die auf tatsächlichen Nutzerbedürfnissen basiert, reduziert Supportanfragen, erhöht die Conversion-Rate und verbessert die Nutzerzufriedenheit. Der ROI von Card Sorting ist schwer präzise zu beziffern, da der Nutzen oft indirekt wirkt. Studien zeigen jedoch, dass sich Investitionen in frühe UX-Research um ein Vielfaches auszahlen.

Fazit

Die Card-Sorting-Methode ist ein bewährtes Werkzeug, um nutzerzentrierte Informationsarchitekturen zu entwickeln und benutzerfreundliche Navigationen zu schaffen. Sie macht mentale Modelle von Nutzer:innen sichtbar und liefert fundierte Grundlagen für Strukturentscheidungen. Die verschiedenen Varianten offenes Card Sorting, geschlossenes Card Sorting und hybrides Card Sorting erlauben flexible Anpassung an unterschiedliche Projektkontexte. Die Durchführung ist mit modernen Card-Sorting-Online-Tools effizient skalierbar und die Auswertung liefert sowohl quantitative Muster als auch qualitative Einblicke. Card Sorting ist besonders wertvoll in der Konzeptionsphase, wenn grundlegende Entscheidungen über die Struktur getroffen werden müssen. Die Methode hat aber auch klare Grenzen: Sie ersetzt nicht andere UX-Research-Methoden und erfordert sorgfältige Interpretation. In Kombination mit Tree Testings und Usability-Tests entsteht jedoch ein umfassendes Bild. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Card Sorting ist günstig, da die Investition Risiken reduziert und langfristig zur Verbesserung der Usability und UX beiträgt. Unternehmen, die Card Sorting strategisch einsetzen, schaffen Informationsarchitekturen, die nicht nur logisch erscheinen, sondern tatsächlich funktionieren.

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